Zwei Jahrzente Berühmtheit*
In unserer Kunst könnten Jahre vergehen ohne Zeitgenossen zu haben.
Ion Grigorescu**
In groben, kräftigen Zügen könnte ein Gespräch zwischen X, zeitgenössischer rumänischer Künstler, und Y, Kunstkritiker, rumänisch oder nicht, nach zwei möglichen Szenarien verlaufen:
Szenario 1
X: Und wie gefällt es Dir?
Y: Bravo, du bist zeitgenössisch. Auf der Istanbuler Biennale habe ich zwei ähnliche Kunstobjekte gesehen, ausgezeichnet!
Szenario 2
X: Und wie gefällt es Dir?
Y: Bravo, ich habe noch nichts dergleichen gesehen, weder in den Shows in Berlin noch in New York. Ich würde fast sagen, dass Du nicht zeitgenössisch bist, interessant ... .
Wie reagiert X?
X ist in jedem Fall pikiert. Weshalb? Weil seine Reaktion aus dem sumpfigen Boden eines der langwierigsten Fragen genährt wird, unter dessen Vorzeichen sich die rumänische Kunst bis zum heutigen Tag entwickelt hat: Gibt es etwas, das den Unterschied zwischen „unserer” und „ihrer” Kunst ausmacht? Was ist rumänisch in der rumänischen Kunst? X ist aus gutem Grund beleidigt, weil diese Problemstellung ihn, ohne zu wollen, vor zwei Möglichkeiten stellt, ohne sich bewusst für eine oder andere entscheiden zu wollen.
Wie es aussieht, könnte die rumänische Kunst ein Problem mit allem Zeitgenössischen haben. Die Betroffenen aus diesem Zusammenstoß sind die Künstler. Sich das Problem der eigenen Zeitmäßigkeit zu stellen, könnte gleichgesetzt werden – könnte man meinen – mit der Frage zum eigenen Verhältnis zur Zeit. Die Obsession für die Zeitmäßigkeit wird genährt durch das Bedürfnis nach einem persönlichen Verhältnis zur Geschichte. Aber für einen ost-europäischen Künstler, das ist uns seit zwei Jahrzehnten bekannt, strömen Zeit und Geschichte in den Kübel der ein und derselben Schlaflosigkeit dahin, das der Kommunismus einfach nur außer Kraft gesetzt, verschleiert hat. Die Schlaflosigkeit seiner Identität. Als Künstler, geraten in den Migrationsfluß und der Vergänglichkeit der globalen zeitgenössischen Kunst, wer bin ich eigentlich?
X hat Recht in seiner Intuition, dass das Problem seiner Identität, gesehen im Lichte der Dichotomie zwischen Anpassung und Verschiedenartigkeit, unlösbar ist. Weil die Identität immer das Problem des Anderen ist, der außerhalb seiner Person definiert wird – aus Paris, München, Berlin, New York –, so wie das immer in der relativ neuesten rumänischen Kunst der Fall war. Trotzdem gibt es Gründe anzunehmen, dass der rumänische Künstler im Genuß über seine exotische Stellung eines Anderen geschwelgt hat: Der „spiritualistische”, konzeptuale und gleichzeitig fromme Stil mit seinen karikaturhaften Varianten („Ikonen aus dem Osten”) hat – und wird es wahrscheinlich immer haben – Faszinationspotential für den „Westbürger”. Aber es kann auch sein, dass derselbe Künstler den zur Schau gestellten Exotismus des Anderen denunzieren kann, weil er sich in diesem nicht wiedererkennen kann und weil er sich ihm nicht ausliefern möchte, im selben Tonfall wie der Engländer, Paul Neagus Kollege, der in seiner Verzweiflung schnaubte: „the same old Eastern European intellectual crap” (derselbe alte ost-europäische intellektuelle Mist).
Und außerdem, wenn wir uns in einer Welt voller Verkörperungen des Anderen bewegen, wie der „Primitive” für die Avantgardisten und wie der Südafrikaner, der Iraner, der Serbe, der Russe oder der Rumäne für die aktuelle Kunst (die Dreistigkeit des postkolonialen Diskurses inbegriffen, der solche Differenzierungen nicht rechtfertigt), ist der rumänische Charakterzug der Kunst, über die wir sprechen, jedoch nicht so individuell: Sie ist vielmehr aus der Nachbarschaft, nah, als bizarr und entfernt. Der Eindruck der zeitgenössischen rumänischen Kunst in ihrer Gesamtheit hat und gleichzeitig vermisst sie etwas aus der Atmosphäre jenseits ihrer selbst; auch wenn sie „speziell” ist, ist es sicher, dass die rumänische Kunst dem „Westbürger” nicht völlig unbekannt ist. Andererseits können wir kompromisslose Differenzierungen in ihrem Inneren beobachten, die zwischen unseren künstlerischen Parteien stattfinden, die sich gegenseitig, Gift und Galle spuckend, als Andere bezeichnen: Die „körperschaftlichen” versus neu-orthodoxen Künstler, die Künstler der 80er versus der der 2000er, die sozial Implizierten versus den Ästheten. Für Aktivisten sind die Ästheten die Anderen, weil sie die rumänische Kunst nicht voranschreiten lassen. Für die „Unbeteiligten” ist nichts nutzloser als ein agitatorischer, „städtischer Hacker” zu sein, geformt nach den Moden, die nach der Dezemberrevolution importiert wurden.
Und dann, was bleibt X übrig? Kann er als rumänischer Künstler auch etwas anderes sein als ein interessanter und ungewöhnlicher Anderer? Kann er selbst sein, ohne dass ihn das zum „Einen aus dem Osten” macht? Ja. Wenn er ruhig aus diesem Problem herausschreitet. Weil dieses Problem einen in einer Aporie festhält – dazu zu gehören, assimiliert in der zeitgenössischen Kunst oder exotisch zu sein, ein ewiger Outsider -, wäre die beste Lösung, ihr nicht ins Netz zu fallen. Der zeitgenössische rumänische Künstler möchte nicht rumänisch, sondern zeitgenössisch sein. Und sogar noch mehr: Er möchte nicht zeitgenössich sein, sondern einfach nur ein Künstler. Er verweigert die 15 Minuten Berühmtheit, die ihm andere anbieten und nimmt sich vor, der generische Künstler zu sein. Wird ihm das wohl gelingen?
Adriana Oprea
Kuratorin, Kunsthistorikerin und -kritikerin
*Der Beitrag wurde inspiriert durch den Artikel von Ekaterina Dyogot, How to Qualify for Postcolonial Discourse, Artmargins, November 2001.
**Aus einer Antwort in einem Fragebogen der Gallerie Recycle Nest, im Juni 2010 .